Frühkindliche Bildung und Betreuung in Luxemburg

Auf Anfrage von déi gréng wurde heute in einer gemeinsamen Sitzung der Familien- und der Bildungskommission das Forschungsprojekt « Frühkindliche Bildung und Betreuung in Luxemburg[i] » der Uni Luxemburg vorgestellt.

Die Veröffentlichung eines Abschlussberichtes wird wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen, einige Aussagen sind aber auch in der Kurzfassung durchaus bemerkenswert und laden zum Kommentieren ein.

Erzieher haben wenig Vertrauen in die Kitas

pradoxonAus den Fragebögen geht hervor, dass Erzieherinnen und Erzieher den Eltern etwas ermöglichen, was ihnen selbst erschwert wird: Eine gute Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. So wurde das von den Leuten der Uni geschildert (siehe Abbildung), nachvollziehbar ist das aber nur bedingt: Die Erzieher könnten ihren eigenen Nachwuchs ja mit in die Betreuungsstruktur nehmen, eigentlich müssten die Betreuungszeiten optimal mit ihrer Arbeitszeit abgestimmt sein.

Nimmt man allerdings die negative Antwort der ErzieherInnen auf die Aussage: „Es wäre für mich selbstverständlich, mein Kind ab dem Alter von drei Monaten in einer Kita betreuen zu lassen“ zur Kenntnis, dann lässt sich die empfundene Unvereinbarkeit schon eher erklären. Zudem deutet diese Aussage auch auf ein ernst zu nehmendes Problem in der Kinderbetreuung hin: Die Erzieher verrichten eine Arbeit, die sie für ihre eigenen Kinder als eher nicht empfehlenswert betrachten! Vielleicht liegt diese Ablehnung am frühen Alter der Kinder (3 Monate). Aber weitere Fragen drängen sich auf: Wie müssten denn die Betreuungsstätten sein, damit die Erzieher ihre Kinder dort mit Freude versorgen lassen würden? Wird der Betreuungsschlüssel, insbesondere für kleine Kinder, als zu hoch empfunden, die Kooperation mit den Eltern als ungenügend betrachtet, die eigene Ausbildung als unbefriedigend erlebt?

motivDas pädagogische Konzept der Kitas interessiert die Eltern eher wenig.
Als weitaus wichtigstes Motiv für die Wahl der Kita wird von den Eltern die Nähe zum Wohnort genannt (45,5%), gefolgt von der Nähe zum Arbeitsplatz/Studienort (10,9%).

Das pädagogische Konzept ist nur für 9,4 % der Befragten ein wichtiges Motiv für die Wahl. Die Eltern sind eher der Meinung, dass die Persönlichkeit des Erziehers wichtiger ist als das pädagogische Konzept.

Dies ist wenig erstaunlich und eine Tatsache, die man auch aus dem schulischen Umfeld kennt. Schon Hans Brügelmann hat die Wichtigkeit des einzelnen Pädagogen betont, John Hattie formulierte kürzlich noch schärfer: Was Schüler lernen, bestimmt der einzelne Pädagoge. Alle anderen Einflussfaktoren – die materiellen Rahmenbedingungen, die Schulform oder spezielle Lehrmethoden – sind dagegen zweitrangig.

Überall verhaltensauffällige Kinder!?

80% der Erzieherinnen und Erzieher sind der Meinung, dass sie verhaltensauffällige Kinder in ihrer Gruppe haben. Damit scheint sich die Aussage zu bestätigen, dass man in Betreuungsstätten (und Schulen) immer mehr Kindern mit speziellen Bedürfnissen begegnet. Der Aufgabenbereich des Erziehers (und des Lehrers) hat sich gewandelt.

Aber ist dem auch wirklich so? In der institutionellen Kinderbetreuung treffen sich viele Kinder an einem Ort. Dabei ist die Ordnungsbildung eine organisatorische wie auch eine pädagogische Herausforderung. Ordnung will gewahrt werden, Kinder müssen lernen, sich der Ordnung gemäß zu verhalten. Regulierungen erzeugen sowohl ordnungsgemäßes als auch abweichendes Verhalten. Es wurde z.B. in Kitas beobachtet, dass Kinder mehr als 20 Minuten warten mussten, bis sie nach dem Essen aufstehen durften. So schafft man sich verhaltensauffällige Kinder!  Es braucht schon etwas Phantasie und Initiative, Essenssituationen so zu organisieren, dass die erforderlichen Regeln eingehalten werden, ohne dass das Regelwerk abweichendes Verhalten geradewegs provoziert. Zwei Bilder von Kindern sind vorherrschend: die lernenden, sich entwickelnden Kinder und die Sorgenkinder. Zur Klarstellung: ADHS ist bei 2jährigen nicht diagnostizierbar! Da stellt sich natürlich die Frage nach der entsprechenden Ausbildung!
Mangelhafte Ausbildung für Erzieher!?

55% der Erzieherinnen und Erzieher geben an, keine spezielle Ausbildung für die Altersgruppe der 0-4jährigen Kinder zu haben. In den konventionierten Strukturen müssen 80% der Betreuer eine pädagogische Ausbildung haben. déi gréng beanstanden die hohe Zahl der Betreuer die keine Ausbildung brauchen, aber auch die verlangte Ausbildung ist unserer Meinung nach  oft unzureichend um eine gute Qualität in den Betreuungsstrukturen zu gewährleisten. Hinzu kommt dann noch der Betreuungsschlüssel: Ein Betreuer für 6 Kinder unter 2 Jahren, in der Altersgruppe der 2 bis 5jährigen sind bis zu 9 Kinder in einer Gruppe. Zeitweise dürfen diese zahlen auch um 33% überschritten werden. Auch wenn diese Zahlen vom Familienministerium gut geheißen werden, bin ich der Ansicht dass sie zu hoch sind und eine qualitativ hochwertige Arbeit in der Betreuungsstrukturen erschweren bzw. unmöglich machen.

Und immer wieder die Mehrsprachigkeit !

Die Mehrsprachigkeit unserer Gesellschaft ist auch eine Herausforderung für die pädagogische Praxis in den Maisons Relais. Im Schnitt wächst ein Kind in Luxemburg mit 4 Sprachen heran. Das gibt es in kaum einem andern Land und international gibt es keine Modelle für den Umgang mit dieser Sprachenvielfalt. Die Studie der Uni spricht von zwei Varianten in der Praxis: -„Luxemburgisch sprechen, d.h. Sprachförderung als Monolingualisierung der Kommunikation in einer einzigen Sprache“ und „Mehrsprachigkeit fördern“, d.h. Einsprachigkeit der Kommunikation in mehreren Sprachen, nach dem Motto:  one face one speech. Was sinnvoll, was erfolgversprechend ist, sagt uns die Studie leider nicht.

Es bleibt viel zu tun (zu erforschen)

Über den richtigen Umgang mit den Sprachen wissen wir so gut wie nichts.

Über die Bedingungen und die pädagogische Qualität der Kinderbetreuung im kommerziellen Sektor haben wir bislang keine Erkenntnisse.

Die Studie hat Eltern und Erzieher befragt. Wie sich die Betreuungswirklichkeit in der Position der Kinder anfühlt, damit hat sich die Studie nicht befasst.

Für die 4jährigen gibt es neben den Maisons Relais das Gratisangebot der Education Précoce. Wie die beiden Angebote miteinander harmonieren oder eventuell nicht harmonieren, wurde bislang nicht untersucht.

Die Berufstätigkeit von Müttern und Vätern ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für das gesamte weitere Leben.  Das verpflichtet uns, unsere Betreuungsstrukturen ständig zu verbessern. Die Studie der Uni Luxemburg empfielt, den Betreuungsschlüssel zu verbessern, die Öffnungszeiten flexibel zu halten, die Eltern systematisch zur Mitarbeit einzuladen und die Qualität der Erstausbildung und Weiterbildung zu verbessern. Daran wird kein Weg vorbei führen!


[i] Das Forschungsprojekt untersuchte die Betreuungssituationen der Kinder zwischen 0 und 4 Jahren. Die Plätze in Maisons Relais für Kinder bis zu 4 Jahren haben sich seit 2005 verdreißigfacht. Das Projekt gliedert sich in zwei Teile:
1)   Kinderbetreuung als Dienstleistungsobjekt: Sind Eltern und Beschäftigte mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zufrieden? Diese Frage wurde mit einer schriftlichen, landesweiten Befragung in 71 konventionierten Betreuungsstrukturen des Landes untersucht. Die Rücklaufquote der Elternfragebogen liegt bei 33%, was ein sehr guter Wert ist, die Quote der Personalfragebogen liegt bei  77%, was ein fantastisches Ergebnis ist. Zum Vergleich: Bei der Zwischenbilanz über die Grundschulreform lag die Rücklaufquote der Elternfragebogen bei 29,5 Prozent und diejenige der Personalfragebögen (=Lehrer) bei 16,6 %.
 2)   Betreuungswirklichkeit. Wie wird Qualität gemacht? Wie versuchen Fachkräfte vor Ort eine gute Praxis herzustellen?
Dabei unterstellen die Forscher: die Erzieher wissen schon was sie tun, sie haben Erfahrung, sie kennen ihre Möglichkeiten.
Hierzu wurden Beobachtungen in mehreren 6-8 wöchigen Feldphasen durchgeführt, mit bis zu 3 ForscherInnen im Feld.
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